Wer war Joseph Müller ?

Joseph Müller

 

Als jüngster Sohn des Kantors und Lehrers Damian Müller und seiner Frau Augusta wurde Joseph Müller am 19.8.1894 in Salmünster/Hessen geboren. Von den sieben Kindern der Familie wurden drei Priester: der älteste als Franziskaner und Professor für Theologie in Fulda; Oskar Müller und sein Bruder Joseph wurden von Bischof Ernst in Hildesheim zu Priestern geweiht. Als Kaplan kam Joseph Müller zunächst nach Duderstadt, später nach Bremen und Celle.

 

1932 erhielt Joseph Müller seine erste Pfarrstelle in der Pfarrkuratie Bad Lauterberg mit der Seelsorge in St. Andreasberg und Braunlage. Weitere Pfarrstellen waren Süpplingen und Heiningen. Dort organisierte er zum Ärger der Partei mit Familien des Ortes Widerstand gegen die Schließung der Dorfschule.


Nach einer schweren Operation wurde Joseph Müller am 1. August 1943 auf eigenen Wunsch zum Pfarrer der kleineren katholischen Pfarrgemeinde in Groß Düngen ernannt. In seinen Pfarrgemeinden war der Seelsorger vor allem wegen seiner menschlichen Wärme, die er allen entgegenbrachte, beliebt. Bereits während seiner Zeit als Kaplan hatte er sich in den verschiedenen Pfarrgemeinden ganz besonders der Jugendarbeit gewidmet. Wegen seiner Gegnerschaft wurde er ständig von der Gestapo beschattet und von den örtlichen Nationalsozialisten angefeindet und bespitzelt. Alle seine Aktivitäten – auch seine Gottesdienste und Predigten – wurden überwacht. Kurze Zeit nachdem er sein Amt als Pfarrer in Groß Düngen angetreten hatte, äußerte Joseph Müller Anfang August 1943 gegenüber dem NSDAP-Ortsgruppenleiter offen seine Besorgnis über die herrschenden politischen Verhältnisse. Als er wenige Tage später bei dessen Vater einen Krankenbesuch machte, erzählte Joseph Müller folgenden politischen Witz:

 

Ein Verwundeter liegt im Sterben und will wissen, wofür er stirbt. Er lässt die Krankenschwester rufen und sagt ihr: „Ich sterbe als Soldat und möchte wissen, für wen ich sterbe.“ Die Schwester antwortet: „Sie sterben für Führer und Volk.“ Der Soldat fragt dann: “Kann dann nicht der Führer an mein Sterbebett kommen?“ Die Schwester antwortet: „Nein, das geht nicht, aber ich bringe Ihnen ein Bild des Führers.“ Der Soldat bittet dann, dass ihm das Bild zur Rechten gelegt wird. Weiter sagt er: „Ich gehöre der Luftwaffe an.“ Da bringt ihm die Schwester das Bild von Reichsmarschall Göring und legt es zur Linken. Daraufhin sagt der Soldat: „Jetzt sterbe ich wie Christus.“

Das Erzählen dieses Witzes bot Anlass, den missliebigen Priester bei der Polizei anzuzeigen und festnehmen zu lassen. Ein Gemeindemitglied hatte ihn denunziert. Am 17. August 1943 wurde Müller bei der Hildesheimer Gestapo verhört und erstmals am 6. September 1943 in Haft genommen. Man hielt ihm vor, er habe „Hitler und Göring mit den beiden Schächern verglichen, die an der Seite Jesu gekreuzigt wurden“.

 

Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit wurde er allerdings zunächst wieder freigelassen. Auf Veranlassung der NSDAP-Ortsgruppe von Groß Düngen, die sich an den Volksgerichtshof in Berlin gewandt hatte, erfolgten am 11. Mai 1944 seine erneute Verhaftung und weitere Vernehmungen. Joseph Müller wurde schließlich am 15. Mai 1944 zu weiteren Verhören in das Untersuchungsgefängnis des Volksgerichtshofes nach Berlin-Moabit gebracht. Müller weigerte sich standhaft, den Namen desjenigen zu nennen, der ihm den Witz erzählt hatte. Seine Brüder und sein Diözesanbischof Joseph Godehard Machens, die Joseph Müller nur zwei Wochen später im Gefängnis besuchten, berichteten, dass sie ihn dort als einen „armen Untersuchungshäftling in geflickter Gefängniskleidung, in einem seelisch gebrochenen, zermürbt aufgelösten Zustande“ angetroffen hätten.

 

Am 28. Juli 1944 wurde Joseph Müller vor dem Volksgerichtshof der Schauprozess gemacht. Der Volksgerichtshofspräsident Roland Freisler warf Joseph Müller vor, er habe als Jugendseelsorger die Arbeit der Staatsjugend erschwert oder vereitelt. Es sei Hochverrat, Sabotage und Untergrabung der Staatsautorität, wenn ein „Pfaffe“ die Jugend dem Führer entfremde. Joseph Müller wurde „wegen Wehrkraftzersetzung“ gemäß § 5 der damals geltenden Kriegssonderstrafrechts-Verordnung zum Tode verurteilt. Entlastungszeugen aus Groß Düngen waren im Prozess nicht angehört worden. Seine Hinrichtung erfolgte am 11. September 1944 auf dem Schafott im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Aufgrund des so genannten Heimtückegesetzes wurde er durch das Fallbeil hingerichtet.

 

Verschiedene Dokumente machen der Nachwelt den brutalen Zynismus der damaligen Machthaber deutlich. In der Todesbescheinigung wird als Todesursache „plötzlicher Herztod – Atemstillstand, sonstige ärztliche Bemerkungen - enthauptet“ verzeichnet. Pfarrer Müllers Familie erhielt von der Gerichtskasse Berlin-Moabit eine Rechnung für „Gebühr für die Todesstrafe“ u. a. über 448,36 Mark.

 

Entgegen dem örtlichen Brauch war in Groß Düngen das Läuten der Totenglocke für den hingerichteten Ortspfarrer Müller durch die Machthaber untersagt. Wie eine Zeitzeugin in einer ARD-Dokumentation über den Witz im „Dritten Reich“ erzählt, wurde nach Ende der NS-Zeit als erste Handlung im Ort die Glocke geläutet.

 

Nachdem die Urne mit der Asche von Joseph Müller zunächst auf dem Stadtfriedhof in Brandenburg beigesetzt worden war, konnte sie im November 1945 nach Groß Düngen überführt werden. Dies entsprach einem ausdrücklichen Wunsch des Hingerichteten: „Ich wünsche ausdrücklich, dass ich dort begraben werde, wohin mich meines Bischofs Ruf zuletzt als Priester und Seelsorger bestellt hat. Ruhen möchte ich bis zum Tage meiner Auferstehung unter einem Kreuz mit einem Heiland daran. Das Kreuz war im Leben mein Begleiter. Es soll auch über meiner sterblichen Hülle stehen. Credo in vitam aeternam!“

Joseph Müllers Niederschriften im Gefängnis angesichts seiner Verurteilung und Hinrichtung gelten als eindrucksvolle christliche Märtyrerberichte der Neuzeit.


Quellen:

Bennogemeinde Bad Lauterberg

Wikipedia